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Genuss, Arbeit und Krieg

Neues Buch des Staßfurter Geschichtsverein e.V. kommt zum Salzlandfest

Artikel vom 29. Mai 2026

Von Tobias Winkler

80 Jahre Eingemeindung: Leopoldshaller Pferdeschlachterei erzählt die Geschichte einer Gaststätte und eine von Hausnummern-Chaos und Wandel.

Staßfurt. Im Jahr 1904 eröffnete Louis Hollstein seine Gaststätte in der Hohenerxlebener Straße. Zwei Jahre später ergänzte er das Angebot um eine Roßschlächterei. „Notschlachtungen jederzeit – schnellste Ausführung“, so warb der Leopoldshaller Betrieb 1956 in einer Annonce aus dem Archiv des Staßfurter Geschichtsvereins. In einer Zeit, in der Pferdefleisch zum zweiten Mal in der Geschichte besondere Bedeutung hatte. Und aus einer Zeit, in der das 1946 in die Stadt Staßfurt eingemeindete Viertel noch reicher an Kneipen und Gaststätten war.

Gaststätte und der Genuss von Pferdefleisch, das war eng verbunden mit Arbeiterschaft, der einsetzenden städtisch geprägten Zivilisation und Krieg. Angetrieben durch Industrialisierung und Städtebau, entdeckten auch die Leopoldshaller das Pferdefleisch ausgangs der 1800er-Jahre für sich. Aus dem Transportwesen, der Landwirtschaft oder auch sportlicherer Zucht stammend, aus der Verwertung gealterter oder geschwächter Tiere gewonnen, galt es als ein proteinreiches und zudem günstiges Nahrungsmittel.

Mix aus Spezialitäten

„Kneipen gab’s hier viele – nur eben nicht mehr heute“, sagt Rico Schäfer, Vorsitzender des Geschichtsvereins. „Was man wirklich als Kneipe bezeichnen würde, das haben wir tatsächlich nicht mehr.“ Stattdessen bietet Leopoldshall heute einen bunten Mix aus internationalen Spezialitäten, aus Kiosken, Lieferdiensten, Imbissen und Restaurants. Von nahezu 20 Anbietern berichtet das gerade in zweiter, unveränderter Auflage erschienene Buch des Geschichtsvereins „Staßfurter Gaststätten von 1890 bis 1990“. Heute sind es, je nach Zählweise, eine gute bis zwei Handvoll an Anbietern.So sieht das Gebäude heute aus.

„Staßfurter Gaststätten von 1890 bis 1990“

Das 2023 erschienene Buch des Staßfurter Geschichtsvereins „Staßfurter Gaststätten von 1890 bis 1990 – Zwischen Stammtisch und Familienfeier“ erscheint dieser Tage in zweiter, unveränderter Auflage von 200 Exemplaren. Der Preis pro Buch beträgt 15 Euro. Erhältlich sind die Bücher beim Salzlandfest (19. bis 21. Juni auf dem Benneckschen Hof) sowie direkt über den Verein, bei der Stadtinformation im Salzlandtheater (Tränental 6), im Bergbaumuseum (Pestalozzistraße 6), im Lotto-Shop Hönig (Steinstraße 16) und bei City-Haarmoden (Hohenerxlebener Straße 96).

Den Jahren der baulichen Fortschritte folgten die Krisen- und Kriegsjahre. Bei aller Beständigkeit – von 1904 bis in die Nachkriegsjahre führte die Familie Hollstein die Geschicke der Leopoldshaller Gaststätte – erlebte diese von Beginn an ein Wechselspiel der Adressierung.

Das ursprüngliche, im Jahr 1889 von Wilhelm Kafert eröffnete, Lokal fand sich an Hausnummer 16. Nach dessen Tod, ein paar Jahren unter der Führung von Witwe Lina Kafert sowie der Veränderung der Leopoldshaller Hausnummern 1903 übernahm Louis Hollstein die Gaststätte mit Hausnummer 22. Drei Jahrzehnte später, 1935, war es Nummer 60.

Umbenennung der Straße

Hintergrund der erneuten Änderung war die zwischenzeitliche Teilung der Hohenerxlebener Straße. Vom Bahnhof bis zur Hälfte der Länge hieß sie nun zeitweise Hauptmann-Loeper-Straße – benannt nach dem gerade verstorbenen Gauleiter von Magdeburg-Anhalt, Wilhelm-Friedrich Loeper.

Zuständig für Anhalt und Braunschweig hatte sich dieser in den gesellschaftspolitischen Kreisen unter anderem damit einen Namen gemacht, den Berliner Spartakusaufstand von 1919 niederzuschlagen, die Nationalsozialistische Partei aufzubauen oder sich der Bauhaus-Kunst aus Weimar und Dessau entgegenzustellen.

Zehn Jahre nach der Eingemeindung Leopoldshalls zur Stadt Staßfurt bekam Louis Hollstein 1956 zum letzten Mal eine neue Hausnummer – die Gaststätte war fortan mit der Nummer 82 als Teil des Versorgungszentrums Hohenerxlebener Straße registriert. Das Pferdefleisch verlor über die Jahrzehnte an Bedeutung, das Lokal in der Nähe des Friedhofs blieb bis vor wenigen Jahren bestehen.

Die Betreiber jedoch, sie wechselten in den Siebziger- und Achtzigerjahren häufiger. Letztlich führten Helga Meyer und ihr Sohn Wolfgang das „Braustübl“ in die Zeit des vereinigten Deutschlands und das laufende Jahrtausend.

Genuss, Arbeit und Krieg